Endoprothetik-Zentrum

Mit beiden Beinen im Leben

(08.01.2020)

Melissa fährt liebend gern Achterbahn, machte vor einiger Zeit ihren Führerschein und verbringt ihre Freizeit am liebsten mit Freunden im Urlaub oder auf Konzerten. Auf den ersten Blick scheint dies das ganz normale Leben einer 20-Jährigen zu sein. Doch für Melissa sind solche Dinge keine Selbstverständlichkeit. Bis vor wenigen Jahren hat sie mehrmals um ihr Leben gekämpft.

Melissa hatte einen sehr seltenen Beckentumor, den nur wenige Chirurgen in Deutschland operieren können und die Überlebenswahrscheinlichkeit ist relativ gering. Man sieht Melissa den Kampfgeist in den Augen an. „Ich habe nie geglaubt, dass es vorbei ist“.

Alles auf Anfang: Es ist Mai 2015. Melissa ist 16, noch in der Schule und schreibt gerade Abschlussprüfungen, als sie zum ersten Mal Schmerzen im Rücken hat. „Anfangs bin ich natürlich noch nicht zum Arzt. Mit 16 denkt man doch nicht, dass die Schmerzen etwas Schlimmes bedeuten könnten. Rückenschmerzen können ja auch vom Wachstum kommen“, meint sie. Die Schmerzen kommen und gehen, nach zwei Monaten tritt eine leichte Schwellung im Rücken auf. Schließlich geht Melissa zum Orthopäden, der jedoch anfangs noch nicht erkennt, was Melissa fehlt. Im Herbst beginnt sie eine Ausbildung als Tourismuskauffrau. Mittlerweile sind die Schmerzen so schlimm, dass Melissa nachts nicht mehr schlafen kann. „Ich musste jeden Tag müde zur Arbeit“, erinnert sie sich. Also geht sie erneut zum Arzt und lässt ein MRT machen.

Im Oktober 2015 bekommt Melissa schließlich die Diagnose: Beckentumor, genauer gesagt ein Ewing-Sarkom. Jährlich werden in ganz Deutschland nur etwa 250 Neuerkrankungen eines solchen Sarkoms festgestellt, und kaum eines davon ist im Becken. Außerdem hat sie über 70 Metastasen in der Lunge. „Mein Kopf war erstmal leer, aber dann war ich erleichtert. Endlich wussten wir, was die Schmerzen auslöst“, erinnert sich Melissa zurück. Mit der Diagnose geht sofort die Behandlung los. Melissa bekommt eine Chemotherapie, ein halbes Jahr darauf wird sie von Prof. Dr. Axel Hillmann operiert. Prof. Hillmann ist Tumororthopäde und einer der wenigen, der solche Tumore behandelt. Er gilt bundesweit als führender Experte auf diesem Fachgebiet. „Ein Ewing-Sarkom ist für das damalige Alter von Melissa sehr typisch, aber auch sehr, sehr selten“, erklärt er. Prof. Hillmann ist seit April Leiter der neuen Abteilung für Sarkome und muskoskelettale Tumore am Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg. Dort werden bös- und gutartige Tumorerkrankungen an Knochen und Weichteilen, z.B. Muskeln, Bändern, Blutgefäßen oder Fettgewebe behandelt und operiert.

Wichtig sei, dass bei solchen Erkrankungen der Tumor vollständig herausoperiert werde. „Es darf nicht eine einzige Zelle im Körper verbleiben.“ Bei Melissa wird während einer dreieinhalbstündigen Operation ein großer Teil des Beckens entfernt und der Beckenring aus dem transplantierten Wadenbein rekonstruiert.  „In Deutschland werden jährlich etwa 10 solcher OPs durchgeführt“, erklärt Prof. Hillmann. Doch mit der OP ist es für Melissa noch lange nicht getan. Gleich nach der OP folgten wieder Chemotherapie und diesmal auch Bestrahlung. Beim Abschlussgespräch der Therapie werden wieder zwei Tumorherde auf der Lunge entdeckt. Also suchen die Ärzte nach Stammzellenspendern. Melissa ist die jüngste von fünf Kindern und alle ihre Geschwister lassen sich als Spender testen. Die Stammzellen ihres Bruders Maik passen zu 80 Prozent, die der anderen sogar zu 100 Prozent. Doch die Ärzte brauchen die Stammzellen von Maik. „Mein Blut hat die Krebszellen nicht erkannt und sie daher auch nicht bekämpft. Hätten wir die Stammzellen der anderen genommen, hätten diese wahrscheinlich ebenfalls keine Krebszellen bekämpft“. Im Oktober 2017 bekommt Melissa schließlich die Stammzellen und hat damit ihre Krebsbehandlung abgeschlossen.

Doch auch hier ist noch kein Ende für Melissa in Sicht. Denn der Hüftkopf, der nun nicht mehr in einer Beckenpfanne liegt, klemmt Melissas Nerv ab und lähmt ihr Bein. Die Ärzte wissen nicht recht was sie tun sollen. Die junge Frau bekommt zweimal die Woche Physiotherapie, damit sich der eingeklemmte Nerv wieder löst.

„Eigentlich dachten wir, es ist vorbei. Melissa wog zwischenzeitlich nur noch 38 Kilo, es war wirklich hoffnungslos“, erinnert Prof. Hillmann. Doch aus unerklärlichen Gründen kommt Melissa im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf die Beine. Sie kämpft sich zurück, geht mittlerweile trotz einer Drei- Zentimeter - Verkürzung des linken Beines fast komplett normal und genießt ihr Leben in vollen Zügen. Zwar ist die kritische Phase noch nicht vorbei und sie muss alle drei Monate zum MRT und CT, aber sowohl sie, als auch Prof. Hillmann sind absolut optimistisch. Im Sommer war Melissa mit ihrer besten Freundin auf Strandurlaub in Kroatien, im September begann sie ihre Ausbildung als Tourismuskauffrau. „Du bist wirklich ein Glück Melissa“, betont Prof. Hillmann, doch Melissa schüttelt den Kopf: „Sie sind auch ein großes Glück für mich.“

Melissas Geschichte ist kein Einzelfall, aber nicht immer geht eine solche Erkrankung für alle Kinder und Jugendliche so gut aus, wie bei Melissa. Ein Problem kann sein, dass der Krebs zu spät erkannt wird. Daher weist Prof. Hillmann ausdrücklich darauf hin: „Wenn bei Kindern und Jugendlichen Schmerzen auftreten, die nicht auf eine Verletzung oder eine Überlastung zurückzuführen sind, sollte nicht länger als vier Wochen gewartet werden, bis man zum Arzt geht.“ Die Geschichte, die Melissa erlebt hat, kann anderen Patienten nur Mut machen. Der bisher gute Ausgang ist aber auch auf die Kraft und die positive Lebenseinstellung dieser jungen Patientin zurückzuführen. „Es ist nicht erwiesen, aber es scheint, dass Menschen mit einem starken Willen auch in der Überwindung  von schweren gesundheitlichen Problemen Gewaltiges leisten können,“ erzählt Prof. Hillmann. Wieder Achterbahnfahren können, Urlaube mit Freunden und Konzerte besuchen, ein normales und unbeschwertes Leben einer jungen Frau führen zu können, das ist das, was Ärzte gemeinsam mit ihren Patienten mit ihren hochaktuellen Therapiekonzepten anstreben.